Jüdischer Friedhof
Jüdischer Friedhof Bocholt
בית החים (Haus des Lebens)
Der jüdische Friedhof an der Vardingholter Straße ist ein bedeutendes Zeugnis jüdischen Lebens in Bocholt. Er wurde im Jahr 1940 zwangsweise als Ersatz für den älteren, an der Straße "Auf der Recke" gelegenen jüdischen Friedhof angelegt. Die Umbettung der Toten aus dem alten jüdischen Friedhof erfolgte unter entwürdigenden Umständen: Polnische Kriegsgefangene wurden gezwungen, diese Arbeiten auszuführen. Damit wurden grundlegende Gebote der jüdischen Religion - insbesondere das Gebot der kwod hamet, כבוד המת der Achtung vor den Verstorbenen - verletzt.
Im jüdischen Glauben gilt der Friedhof als "Haus der Ewigkeit" (בית עולם), ein Ort des Friedens und der Unantastbarkeit. Die Toten sollen hier ihre letzte Ruhe finden - לזכרון עולם ינוחו בשלום על משכבם
Zum ewigen Gedenken - mögen sie in Frieden auf ihrer Ruhestätte ruhen.
Die Unversehrtheit und dauerhafte Erhaltung jüdischer Gräber sind ein religiöses Gebot und Ausdruck tiefen Respekts vor dem Leben und dem Tod. Heute erinnert der jüdische Friedhof nicht nur an die verstorbenen Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, sondern auch an die Geschichte von Verfolgung, Zerstörung und Neuanfang nach dem Ende.
Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Bocholt
Ursprünglich gab es einen jüdischen Friedhof an der Ostmauer der Stadt, der etwa um 1700 angelegt wurde. Dieser Friedhof wurde aufgrund hygienischer Vorschriften im Jahr 1810 verlegt. Der neue Standort befand sich an der Straße "Auf der Recke", nördlich des Wasserturms, und wurde bis 1940 genutzt. Eine Namensliste der von 1822 bis 1940 begrabenen jüdischen Verstorbenen und ihrer Lebensdaten kann im Buch "Drei jüdische Friedhöfe in Bocholt" von Werner Sundermann auf den Seiten 22 bis 30 eingesehen werden (s. Donwload-Link auf der rechten Seite).
Im Juni 1940 wurde die Jüdische Kultusvereinigung Bocholt von der nationalsozialistischen Stadtverwaltung gezwungen, den Friedhof an der Straße "Auf der Recke" aufzugeben und das Grundstück an die Stadt Bocholt zu übereignen. Als Ersatz wurde ein Gelände am Stadtrand, in einem Kiefernwäldchen an der Vardingholter Straße zugewiesen - unmittelbar an der Grenze zum Ortsteil Stenern.
Die Umbettung der Verstorbenen erfolgte unter Zwang. Polnische Kriegsgefangene aus dem nahegelegenen Stammlager (Stalag) VI F, dem umgangssprachlichen Stadtwaldlager, mussten die Gräber öffnen und die sterblichen Überreste exhumieren. Dies geschah in eklatantem Widerspruch zur jüdischen Tradition, die die Unantastbarkeit von Gräbern und die Unverletzlichkeit der Totenruhe gebietet.
Insgesamt wurden mindestens 133 Verstorbene umgebettet; 94 historische Grabsteine sowie 140 nummerierte Steinmarkierungen wurden auf das neue Gelände übertragen.
Eine fotografische und inhaltliche Dokumentation aller vorhandenen Denkmale und Nummernsteine finden Sie in den Buch "Drei jüdische Friedhöfe in Bocholt" von Werner Sundermann ab Seite 61 (s. Download-Link auf der rechten Seite).
Die durchgeführte Umbettung steht im Widerspruch zu einem zentralen Gebot des Judentums, das die Unantastbarkeit von Gräber und die Wahrung der Totenruhe gebietet. Der neue Friedhof war als Waldfriedhof gestaltet und von außen kaum als solcher erkennbar.
Seit dem Winter 1943 wurden auf den noch unbelegten Grabfeldern - und entgegen jeder jüdischen Bestattungstradition sogar zwischen den bereits vorhandenen jüdischen Gräbern - verstorbene sowjetische Kriegsgefangene aus dem nahegelegenen Lager beigesetzt. Diese Form der Mischbelegung widerspricht fundamental dem jüdischen Verständnis von Totenruhe und der Würde des jüdischen Friedhofs als heiligem Ort ausschließlich für Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft.
Nach der Befreiung von der Nationalsozialistischen Herrschaft errichtete die Stadt Bocholt im Mai 1948 einen Gedenkstein zur Erinnerung an die während des Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger.
Im Jahr 1964 wurde der jüdische Friedhof umfassend umgestaltet. Die Überreste der sowjetischen Kriegstoten wurden exhumiert und auf der benachbarten sowjetischen Kriegsgräberstätte überführt. Die jüdischen Grabplatten wurden neu aufgestellt und auf Zementsockel gesetzt, sodass ihre Inschriftenseite nach Osten ausgerichtet sind - entsprechend der jüdischen Tradition, nach Jerusalem zu blicken. Das im Jahr 1925 errichtete Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten wurde links neben dem Eingang aufgestellt.
Quellen und Nachschlagewerke zu dem Thema:
Bocholter Quellen und Beiträge, 3. Band, Josef Niebuhr, Juden in Bocholt, Bocholt 1988
Bocholter Quellen und Beiträge, 10. Band, Werner Sundermann, Drei jüdische Friedhöfe in Bocholt, Bocholt 2002 (s. Download auf der rechten Seite)
Bocholter Quellen und Beiträge, 13. Band, Josef Niebuhr, Buch der Erinnerung. Juden in Bocholt 1937-1945, Bocholt 2013 (s. Download auf der rechten Seite)
Hans-Walter Schmuhl (Hg.): Bocholt im 20. Jahrhundert: Eine Stadt auf neuen Pfaden, Bocholt, 2022
Dr. Wolfgang Buschfort, Der grosse Raubzug. Die Ausplünderung der Juden in Bocholt, Bocholt 2026

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