Beim Anklicken der Sprachfunktion wird eine Verbindung mit Google hergestellt und Ihre personenbezogenen Daten werden an Google weitergeleitet!

Sprache zurücksetzen
 Fotografie Sally Cohens aus seinem Wandergewerbeschein, Stadtarchiv Bocholt, SBOH2, Nr. 1009
Fotografie Sally Cohens aus seinem Wandergewerbeschein, Stadtarchiv Bocholt, SBOH2, Nr. 1009
 Das Gedenken findet am Gedenkort an die geschändete Synagoge am heutigen Haus des Handwerks statt.
Das Gedenken findet am Gedenkort an die geschändete Synagoge am heutigen Haus des Handwerks statt.
03. November 2026Bildung und Kultur

Stadt Bocholt lädt zum Gedenken an die Reichspogromnacht ein

Gedenken am 9. November um 19.30 Uhr am Haus des Handwerks // Erinnerung an die Bocholter Familie Cohen // Film "Nie allein" am 10. November im Kinodrom

Die Stadt Bocholt lädt am Montag, 9. November 2026, um 19.30 Uhr zum Gedenken an die Reichspogromnacht und die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ein. Es findet am Gedenkort an die geschändete Synagoge am heutigen Haus des Handwerks statt. Aus diesem Anlass erinnert die Stadt an das Schicksal des Bocholters Sally Cohen und seiner Familie.

Mit dem Gedenken am 9. November erinnert die Stadt Bocholt an die Opfer der Reichspogromnacht vor 88 Jahren. Als die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Menschen in ganz Deutschland überfielen, ihre Wohnungen verwüsteten und ihre Geschäfte zerstörten, traf die Gewalt auch die Familie des Bocholters Sally Cohen. Sein Lebensweg steht beispielhaft für das Schicksal vieler jüdischer Familien aus Bocholt. Dank der Publikation "Buch der Erinnerung - Juden in Bocholt 1937 bis 1945" des im Jahr 2026 verstorbenen Heimatforschers Josef Niebur sind wesentliche Details aus seinem Leben bekannt.

Sally Cohen wurde am 19. April 1892 als Sohn von Dina und Isaac Cohen in Bocholt geboren.

Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau Frieda Hein heiratete er am 23. September 1920 in Dinslaken Juliane Franzmann. Zwei Töchter gingen aus der Ehe hervor: Margot, geboren 1921, und Ruth, geboren 1923. Die Familie zog innerhalb Bocholts mehrfach um. Zeitweise lebten Sally und Juliane Cohen mit ihren Kindern im Elternhaus Sally Cohens an der Langenbergstraße 52, wo sein Bruder Magnus einen Altwarenhandel betrieb. Sally Cohen war wohl selbst im Handel tätig.

Auch Menschen aus der Stadt erinnerten sich später an ihn. Maria Niebur schilderte, wie sie Sally Cohen bei Fahrten durch die Langenbergstraße öfter vor seinem Geschäft gesehen habe. Er habe dort gestanden und die Hände über dem Bauch gefaltet. Karl Walber erinnerte sich an den Altwarenhandel und an das Material, das auf einem von der Straße aus einsehbaren Platz neben dem Haus lagerte.

Die Pogromnacht

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 eskalierte die antisemitische Gewalt der Nationalsozialisten. Auch die Wohnung der Familie Cohen in der Dingdener Straße 116 wurde überfallen und demoliert. Sally Cohen wurde misshandelt und durch die Straßen getrieben.

Die Bocholterin Maria Niebur erinnerte sich wie folgt: "Meine Arbeitskollegin erzählte am anderen Morgen, wie die Nazis Sally Cohen im Schlafanzug über die Straße getrieben haben. Dabei sei er verhöhnt, geschlagen und immer wieder zu Boden gerissen worden."

Für die jüdische Bevölkerung in Bocholt und im gesamten Deutschen Reich bedeutete die Pogromnacht eine weitere Eskalation der seit Jahren zunehmenden Entrechtung und Bedrohung. Für die Familie Cohen wurde ein Leben in Bocholt immer gefährlicher.

Flucht in die Niederlande - und die Hoffnung auf Sicherheit

Am 2. Januar 1939 floh Tochter Margot in die niederländische Stadt Goor. Dort lebte auch Hedwig Polak, eine Schwester Sally Cohens. Am 21. Februar 1939 verließen Sally und Juliane Cohen Bocholt und flohen nach Amsterdam. Auf ihrer Einwohnermeldekarte wurde der Wegzug mit den Worten "ohne Abmeldung nach Amsterdam (Holl.)" vermerkt.

Die Flucht bedeutete die Trennung von der Heimat, von vertrauten Menschen und dem bisherigen Leben. Sie war zugleich der Versuch, der nationalsozialistischen Verfolgung zu entkommen. Doch die Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen und die Ausweitung der Judenverfolgung im Nachbarland nahmen den Geflüchteten auch dort zunehmend jede Sicherheit.

Eine Erinnerung von Günter Lorch, dessen Familie mit den Cohens befreundet war, vermittelt einen Eindruck davon, wie jüdische Familien in dieser Zeit über Ländergrenzen hinweg miteinander verbunden blieben: "Später arbeitete [mein] Vater als Gärtner in einem Kloster bei Venlo. Mutter und ich haben ihn dort besucht. Dann erinnere ich mich daran, wie Vater nach Aalten zurückkam und wir bei dichtem Nebel nach Amsterdam fuhren. [...] Dort trafen wir Sally Cohen. Mein Vater und Sally waren Anhänger des Fußballclubs Olympia Bocholt gewesen."

Deportation und Ermordung in Auschwitz

Am 5. Februar 1943 wurden Sally und Juliane Cohen aus Amsterdam in das polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork gebracht. Von dort wurden sie am 14. September 1943 zunächst in das Konzentrationslager Bergen-Belsen, am 25. Januar 1944 in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Im September 1944 wurde das Ehepaar Cohen mit einem sogenannten "Altentransport" nach Auschwitz gebracht. Der Transport verließ Theresienstadt am 28. September 1944. Zusammen mit 2.944 weiteren jüdischen Menschen wurde das Ehepaar in das Vernichtungslager deportiert.

Sally Cohen wurde am 30. September 1944, dem Tag seiner Ankunft, ermordet.

Auch seine Frau Juliane überlebte die Haft nicht. Nach der vorliegenden Quellenlage starb sie am 28. Februar 1945, nur kurz nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee, an den Entbehrungen der Haft.

Die Verfolgung traf auch die nächste Generation. Tochter Margot, die 1939 in die Niederlande geflohen war, wurde am 6. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Auch ihre Tochter, die Enkelin von Sally, Sophia Juliana Senta Lindeman, wurde dort ermordet.

Von Sally Cohens unmittelbarer Familie überlebte allein seine Tochter Ruth die nationalsozialistische Verfolgung und die Haft im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach dem Krieg kehrte sie mehrmals aus den Niederlanden nach Bocholt zurück. 1948 heiratete Ruth Cohen in Amsterdam Alter Skurnick. 1950 wanderte das Ehepaar als "Staatenlose" nach Australien aus. Ruth Skurnick starb am 5. Oktober 1994 in Melbourne.

Die Stadt Bocholt lädt alle Bürgerinnen und Bürger dazu ein, am 9. November 2026 um 19.30 Uhr am Gedenken an die Reichspogromnacht und die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft teilzunehmen. Das Gedenken findet am Gedenkort an die geschändete Synagoge am heutigen Haus des Handwerks statt.

Am Dienstag, dem 10. November lädt die Stadt Bocholt zudem in das Kinodrom ein. Um 20.00 Uhr wird der Film "Nie allein" gezeigt. Das Filmdrama erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte des jüdischen Geschäftsmanns Abraham Stiller, der während des Zweiten Weltkriegs in Finnland jüdischen Flüchtlingen Schutz bot. Der Eintritt ist frei.

 Fotografie Sally Cohens aus seinem Wandergewerbeschein, Stadtarchiv Bocholt, SBOH2, Nr. 1009
Fotografie Sally Cohens aus seinem Wandergewerbeschein, Stadtarchiv Bocholt, SBOH2, Nr. 1009
 Das Gedenken findet am Gedenkort an die geschändete Synagoge am heutigen Haus des Handwerks statt.
Das Gedenken findet am Gedenkort an die geschändete Synagoge am heutigen Haus des Handwerks statt.