Selda Koldamca
Klare Botschaft: Sprache und Kultur bewahren!
Selda Koldamca ist seit den Kommunal- und Integrationsratswahlen 2025 Mitglied des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration (ACI) - ehemals Integrationsrat. In dieser Reihe Inside ACI stellt Bruno Wansing die Mitglieder vor, erzählt von der jeweiligen Familiengeschichte, von Wünschen und Erfahrungen im Bereich Integration.
Wer ist Selma Koldamca?
Geboren und aufgewachsen in Bocholt, lebt Selda heute in Bocholt-Biemenhorst. Sie leitet den Kinderchor, wirkt stark im Internationalen Mesopotamischen Kulturverein in der Vereins- und Integrationsarbeit mit, engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe und bringt beruflich als Biomedizinische Technologin eine fundierte Fachkompetenz mit. Selda spricht fünf Sprachen und betrachtet sowohl Kurdisch als auch Deutsch als ihre Muttersprachen. Ihre Mehrsprachigkeit prägt ihr Verständnis von Identität, kultureller Vielfalt und gelingender Integration. Selda kommt aus einer Familie, in der Sprache und Kultur eine zentrale Rolle spielen. Sie hat sieben weitere Geschwister, die sie gemeinsam mit ihrer Familie in einem Umfeld geprägt haben, in dem Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung und kulturelle Werte selbstverständlich gelebt wurden. Auch ihre Geschwister leisten bis heute einen wichtigen Beitrag zur Vereinsarbeit und tragen aktiv dazu bei, Integration, kulturellen Austausch und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern. Aus dieser familiären und kulturellen Prägung hat sie ein tiefes Verständnis für die Bedeutung von Sprache und Kultur in der Integration entwickelt
Selda arbeitet seit etwa zehn Jahren als Biomedizinische Technologin im Bereich Pathologie / Zytologie / Dermatologie. Die Rückkehr aus Hannover, wo sie ausgebildet wurde, nach Bocholt markierte einen Anpassungsprozess in einer neuen, multidimensionalen Umgebung.
Vater Mehmet spielte eine besondere Rolle
Schon in ihrer Kindheit erlebte Selda eine multikulturelle Nachbarschaft, die ihr Verständnis von Gemeinschaft nachhaltig prägte. Das Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Herkunft sowie viele deutsche Freundschaften haben ihre Jugend maßgeblich geprägt. Der enge Zusammenhalt in der Nachbarschaft förderte früh den respektvollen Umgang miteinander und den interkulturellen Austausch. Als Jesidin fühlt sie sich kulturell stark verbunden mit der kurdischen Sprache und ihren Traditionen. Eine besondere Rolle spielt für sie der von ihrem Vater, Mehmet Koldamca, gegründete Internationale Mesopotamische Kulturverein Bocholt und Umgebung e. V., in dem sie sich aktiv engagiert und wichtige Impulse für Kultur-, Vereins- und Integrationsarbeit setzt. Diese Erfahrungen tragen wesentlich zu ihrem Credo der gelebten Integration bei.
Menschen mit internationaler Familiengeschichte eine Stimme geben
Der Einstieg in den ACI erfolgte über den eigenen Verein und den aktuellen Vorsitzenden des ACI, Juan Lopez Casanava. "Ich habe immer Informationen aus erster Hand gesucht, um anderen bei der Integration zu helfen und Wissen weiterzugeben. Besonders am Herzen liegt mir, Menschen mit Einwanderungsgeschichte eine Stimme zu geben und ihre Anliegen sichtbar zu machen, Chancengleichheit, gesellschaftliche Teilhabe und der Einsatz gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Dabei bin ich der Überzeugung, dass Sprache und Kultur bewusst gelebt und weitergegeben werden müssen." Vereine seien dafür zentrale Träger.
"Für meine Arbeit beeinflusst hat mich neben Juan auch Bruno Wansing, der Integrationsbeauftragte der Stadt Bocholt und Geschäftsführer des ACI, den ich zunächst durch meine Vereinsarbeit kennengelernt habe und der mich mit seinem Engagement und seiner Einsatzbereitschaft einfach abgeholt hat."
Sprache, Kulturerhalt und Teilhabe
Für sie stehen Sprache, Kulturerhalt und Teilhabe durch Vereine im Vordergrund ihrer Arbeit im Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration. Sie betont, dass Integration ohne Assimilation funktionieren muss: Die eigene Sprache und Kultur der Menschen mit internationaler Familiengeschichte sollen bewahrt und zugleich nach außen getragen werden. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, die gesellschaftliche, politische und kulturelle Teilhabe von Menschen mit Einwanderungsgeschichte aktiv zu fördern und Chancengleichheit zu stärken.
Auch die Sichtbarkeit des ACI in der Öffentlichkeit ist ihr ein zentrales Anliegen: Mehr Austausch mit Vereinen und breiter Öffentlichkeit, mehr Präsenz in der Stadt sowie Einbindungen von Vereinen in Ausschusssitzungen. Politisch beobachtet sie mit Sorge den zunehmenden Rechtsextremismus; Menschen mit internationaler Familiengeschichte sollen sich in Bocholt willkommen fühlen. Der Abbau von Diskriminierung, Vorurteilen und Ausgrenzung ist für sie dabei ein wesentlicher Bestandteil gelingender Integrationsarbeit.
Zuhören und Kennenlernen essentiell
Sie bewertet die Zusammenarbeit innerhalb des ACI als grundsätzlich gut und betont die Bedeutung von Vielfalt der Meinungen. Zuhören und Kennenlernen der Menschen seien dabei essenziell. Dennoch wünscht sie sich mehr Beteiligung aus verschiedenen Akteursgruppen und eine stärkere Einbindung von Vereinen und Organisationen, die aktiv zum Beispiel mit Flüchtlingen arbeiten, in die Ausschusssitzungen.
Die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung sieht sie als positiv, mit gelegentlichen unterschiedlichen Auffassungen - was sie als Chance für konstruktiven Austausch begreift.
Gegenseitiges Verständnis und Möglichkeiten zur kulturellen Partizipation
Laut Selda sind die zentralen Voraussetzungen für gelingende Integration die sprachliche Teilhabe, der Erhalt der eigenen Kultur sowie der Zugang zu Informationen. Integration bedeutet für sie nicht Assimilation, sondern gegenseitiges Verständnis und Möglichkeiten zur kulturellen Partizipation.
Besonders wichtig sind ihr gute Zugänge zu Bildung, Ausbildung, Arbeit, Wohnen und Gesundheitsversorgung, um echte Chancengleichheit zu ermöglichen. Sprachförderung spielt aus ihrer Sicht eine Schlüsselrolle, da gute Deutschkenntnisse Bildungserfolg, berufliche Perspektiven und soziale Kontakte wesentlich erleichtern. Gleichzeitig soll Mehrsprachigkeit als Stärke anerkannt und das Potenzial entsprechend gefördert werden.
Engagierte Vereine und Formen der öffentlichen Anerkennung spielen eine bedeutende Rolle.
Sichtbarkeit, Informationsverbreitung, Einbindung der Vereine
Sie plädiert für eine stärkere Sichtbarkeit des ACI, regelmäßige öffentliche Auftritte und Informationsverbreitung. Wichtig sei auch, Vereine stärker in Ausschusssitzungen einzubinden - etwa durch gemeinsame Veranstaltungen wie den 1. Mai, den Tag der Muttersprache oder Sommerfeste. Ein Ausbau des Netzwerks "engagierte Stadt" und eine breitere Teilnahme von Vereinen an städtischen Veranstaltungen stehen ganz oben auf ihrer Liste. Politische Bildung und Herkunftssprachlicher Unterricht (HSU) in Bedarfssprache seien weitere Bausteine ihrer bildungspolitischen Forderungen.
Besonders Kinder, Jugendliche und Familien sollen stärker gefördert werden, um frühzeitig Bildungschancen und soziale Integration zu verbessern. Ebenso ist Selma Koldamca ein engerer Dialog zwischen Bürgerschaft, Verwaltung und Politik wichtig, damit Anliegen aus den Communities besser gehört und berücksichtigt werden.
Integrationspreisträgerin
Privat wie beruflich verknüpft sich Selda eng mit Kultur und Sprache: Sie spielt Tembur und leitet den Kinderchor. Zu ihren regelmäßigen Auftritten zählen das Familienfest am 1. Mai und Auftritte bei Kulturveranstaltungen kurdischer Vereine. Für seine integrative und kulturelle Arbeit wurde der von ihr geleitete Kinderchor des eigenen Vereins im November 2025 mit dem Integrationspreis der Stadt Bocholt ausgezeichnet. Darüber hinaus engagiert sie sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe und setzt sich aktiv für Unterstützung, Orientierung und gesellschaftliche Teilhabe von geflüchteten Menschen ein. Sie strebt eine sichtbare kulturelle Integration an, die Menschen zusammenführt und die Vielfalt an kulturellen Angeboten stärkt.
Herkunftssprachlicher Unterricht, Öffentlichkeitsarbeit, Innenstadtpräsenz
Für diese Wahlperiode plant Selda, den sprachlichen Bereich weiter auszubauen - herkunftssprachlichen Unterricht (HSU) in Bedarfslagen zu implementieren und mehrsprachige Angebote zu schaffen. Die Öffentlichkeitsarbeit soll weiter verstärkt werden - die Innenstadtpräsenz, weitere Vereine in Ausschusssitzungen einzubinden und Netzwerke zu festigen.
Selda betont wiederholt, dass mehr direkte Teilhabe von Menschen mit internationaler Familiengeschichte nötig ist. Die Einbindung von Vereinen in Ausschusstätigkeit, mehr politische Bildung und offener Austausch mit Verwaltung und Zivilgesellschaft stehen dabei ganz oben auf der Agenda.
Klare Botschaft: Sprache und Kultur bewahren
Selda Koldamca bringt eine klare Botschaft: Sprache und Kultur bewahren, zugleich Brücken bauen - damit Menschen mit migrationsgeschichtlicher Vielfalt sich in Bocholt respektiert, willkommen und aktiv beteiligt fühlen. Ihre Erfahrungen in einer multikulturellen Nachbarschaft, ihre vielen Freundschaften, ihr Engagement im Verein, ihre ehrenamtliche Arbeit und ihre berufliche Expertise prägen ihren pragmatischen, inklusiven Ansatz im ACI.


