Gültekin Izgi
...setzt auf Begegnung und Verständnis
Gültekin Izgi ist stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration (ACI) und Mitglied der Bocholter Liste. Bruno Wansing, Integrationsbeauftragter der Stadt Bocholt und Geschäftsführer des ACI sprach mit ihm über seine Geschichte und seine Intentionen. In seiner Arbeit setzt er auf direkte Gespräche, gemeinsame Erlebnisse und einen Blick auf die vielen positiven Beispiele gelungener Integration.
Gültekin Izgi wurde am 5. August 1980 in Bocholt geboren. Seine Wurzeln liegen in der Stadt - und der Kontakt zu Bocholt ist auch dann nie abgerissen, als ihn Ausbildung und Beruf für einige Jahre in andere Städte führten. Heute lebt er mit seiner Frau Özlem und dem gemeinsamen Sohn Taylan (4) wieder dauerhaft hier.
Von Bocholt aus in verschiedene Städte
Izgi besuchte die Grundschule St. Josef und anschließend die Werner-von-Siemens-Realschule. Es folgte die Höhere Handelsschule, heute das Berufskolleg am Wasserturm.
Bundesweit unterwegs
Nach einer Ausbildung zum Textilmaschinenführer bei IBENA erwarb er sein Fachabitur mit den Schwerpunkten Chemie und Technik. Danach studierte er Betriebswirtschaftslehre an der Universität Duisburg und an der Fachhochschule in Bocholt, der heutigen Westfälischen Hochschule.
Schon während des Studiums sammelte Izgi praktische Erfahrungen in der Finanzbranche. Als Werkstudent arbeitete er bei der HypoVereinsbank in München, später folgten ein Praktikum bei der Bank in Hamburg und eine Tätigkeit bei der Allianz in München. Dort wirkte er unter anderem an der Organisation der Hauptversammlung mit. Anschließend arbeitete er als Kundenberater für die HypoVereinsbank in Köln.
Beruflich führte ihn sein Weg weiter zur Citibank in Düsseldorf, heute Targobank, und zur Readybank in Krefeld. "Bundesweit unterwegs" sei er damals gewesen. Als die Readybank ihr Filialgeschäft einstellte, kehrte Izgi 2010 nach Bocholt zurück und begann bei der Stadtsparkasse Bocholt. Im selben Jahr heiratete er.
"Heraushören, was der Mensch (vor dem Schalter) eigentlich will."
Gültekin Izgi
Erfahrungen, die den Blick verändern
Bei der Stadtsparkasse startete Izgi in der Filiale Lowick. 2013 wechselte er in die Hauptstelle und übernahm dort die Leitung des Servicecenters. Zugleich beriet er weiterhin die drei Vor-Ort-Filialen. Viele Aufgaben und Fachthemen seien an der Hauptstelle gebündelt worden, berichtet er.
Erfahrungen, die den Blick verändern
Izgis eigene Schulzeit in Bocholt verlief nach seiner Erinnerung überwiegend positiv. Er habe keine unangenehmen Erfahrungen gemacht und sei mit vier Freunden aus dem Kindergarten bis zur zehnten Klasse eng verbunden gewesen. Danach seien alle ihren eigenen Weg gegangen.
Seine Familiengeschichte reicht zurück in die Zeit der Arbeitsmigration. Sein Vater kam Ende der 1960er-Jahre als Gastarbeiter nach Bocholt, seine Mutter Döndü folgte Anfang der 1970er-Jahre. In Bocholt sei damals Taskin Oymaci eine wichtige Anlaufstelle für türkische Familien gewesen. Oymaci war später auch an der Gründung des Ausländerbeirats beteiligt und ist inzwischen verstorben. Gültekin Izgi hat drei Schwestern: Cemile Özkan, Cahide Klein und Gülsen Tiska.
Auch seine beruflichen Begegnungen haben seinen Blick auf Integration geprägt. In seiner Arbeit bei der Sparkasse hatte er viel Kontakt zu Geflüchteten und erlebte zwei Fluchtbewegungen mit. Syrischen Geflüchteten, die teilweise nur bruchstückhaft Türkisch sprachen, half er gern. Am Schalter, erzählt Izgi, habe er versucht, nicht nur auf das konkrete Anliegen zu schauen, sondern auch herauszuhören, "was der Mensch vor dem Schalter eigentlich will". Dieser Wunsch, Menschen weiterzuhelfen, habe ihn schließlich auch dazu gebracht, über ein Engagement im ACI nachzudenken.
Vom Interesse zur Mitarbeit im ACI
Zur Mitarbeit im Ausschuss wurde Izgi von Abdulkadir Kis ermutigt. Schon in der vorherigen Wahlperiode war er angesprochen worden, stand damals auf der Liste jedoch weiter hinten und erhielt keinen Sitz. Für die Wahl 2025 wurde er erneut gefragt. Sein Interesse an der Arbeit des Gremiums habe schon länger bestanden; diesmal habe er die Gelegenheit genutzt. Als Nummer zwei auf der Liste sei ihm ein Sitz im ACI sicher gewesen.
Seit dem 1. November 2025 trägt das Gremium in Nordrhein-Westfalen den Namen Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration. Zuvor hieß es Integrationsrat. Izgi bewertet die Stellung des ACI grundsätzlich positiv: Die Ausschussanbindung eröffne Mitsprache und Mitrederecht und ermögliche es, die eigenen Themen einzubringen. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt er. Zugleich brauche Entwicklung Zeit - so wie ein guter Fonds oder auch eine Tiefkühlpizza nicht sofort fertig seien.
In der bisherigen Wahlperiode sieht Izgi einen wichtigen Erfolg darin, stellvertretender Vorsitzender geworden zu sein. Er schätzt besonders den direkten Kontakt zum Bürgermeister und zur Verwaltung sowie Gespräche auf Augenhöhe. Nun gehe es darum, neue Projekte zu entwickeln und umzusetzen.
HSU: Sprache, Anerkennung und Identität
Ein besonderes Anliegen ist Izgi der herkunftssprachliche Unterricht (HSU). Er selbst besuchte zehn Jahre lang Türkischunterricht. Damals habe er das nicht immer gern getan: Während andere Kinder nachmittags auf dem Bolzplatz waren, musste er zum Unterricht. Rückblickend bewertet er diese Erfahrung jedoch anders. Der HSU sei "immens wichtig" gewesen. In seinen bisherigen Berufen habe er davon profitiert - und tue es bis heute.
Für Izgi geht es dabei nicht nur um zusätzliche Sprachkenntnisse. Der HSU vermittle auch Kommunikation, Anerkennung und Identität. Eine Herkunftssprache zu beherrschen, könne Menschen stärken und zugleich Brücken im Alltag und im Berufsleben bauen.
Mehr Begegnung im Alltag
Für eine gelungene Integration ist Sprache für Izgi zentral - doch sie müsse nicht von Anfang an grammatikalisch perfekt sein. Entscheidend sei zunächst, sich verständigen zu wollen und einander verstehen zu wollen. Ebenso wichtig sei es, nicht in den eigenen vier Wänden zu bleiben, sondern auf andere Menschen zuzugehen. Ob im Sportverein, bei einem Fest, im Kindergarten, in der Schule oder in der Nachbarschaft: Mitmachen und sich einbringen schaffe Begegnungen und Gemeinschaft.
Auch das von der Stadt organisierte Fastenbrechen hält Izgi für eine gute Sache. Die Idee von Bruno Wansing, Religionsgemeinschaften, Kulturvereine und weitere Organisationen durch den Bürgermeister einzuladen, sei hervorragend. Wenn Vertreterinnen und Vertreter aus Kirchen, Moscheegemeinden, Vereinen und der Stadt zusammenkämen, würden "Scheuklappen entfernt". Solche Begegnungen machten es leichter, einander kennenzulernen.
Gleichzeitig sieht Izgi Herausforderungen. Der ACI sei in der Bevölkerung noch zu wenig bekannt, und die Wahlbeteiligung sei "unter aller Sau" gewesen. Er hofft, dass sich die Beteiligung verbessert, wenn die Wahlberechtigten künftig direkt angeschrieben werden. Die Umbenennung des Gremiums bewertet er eher kritisch.
Auch die Zusammenarbeit innerhalb des ACI habe sich für ihn zunächst anders angefühlt. Zu Beginn sei durch Unstimmigkeiten untereinander viel Zeit verloren gegangen. Diese Energie hätte man seiner Ansicht nach besser in konkrete Projekte investieren können. Bei der Teilnahme an einer Sitzung des Ausschusses für Arbeit und Soziales bekam Izgi zudem einen Einblick in eine andere Sitzungsführung. Die Sitzung sei interessant gewesen, allerdings sei ein für den ACI wichtiges Thema verschoben worden.
Eine besondere Idee für mehr Empathie
Eine Idee, die Izgi gern weiterverfolgen würde, ist eine Reise nach Istanbul mit rund 50 Teilnehmenden. Sie sollen die Stadt nicht nur aus der Perspektive von Touristinnen und Touristen erleben, sondern sich auch einmal in einer ungewohnten Umgebung zurechtfinden: selbst Wasser oder Essen kaufen, Fragen stellen und mit einer Sprache umgehen, die sie nicht beherrschen. Aus dieser Erfahrung könne Empathie entstehen - ein Gefühl dafür, wie es ist, sich an einem fremden Ort orientieren zu müssen.
Dazu erzählt Izgi ein Gleichnis vom türkischen Hodja, der von einem Baum gefallen war. Ein Helfer fragte ihn, wen er rufen solle. Der Hodja antwortete: "Schicke mir einen, der auch schon mal gefallen ist - der kennt die Schmerzen." Verständnis entstehe oft besonders dann, wenn man eine Erfahrung aus eigener Anschauung kenne. Ähnlich sei es mit dem Verlust eines Elternteils: Wer den eigenen Vater beerdigt habe, wisse, wie es sich anfühle, den Vater zu verlieren.
Izgi geht es darum, solche Erfahrungen nicht gegeneinanderzustellen, sondern daraus Verständnis füreinander zu entwickeln. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung wünscht er sich einen anderen Schwerpunkt: Statt vor allem negative Beispiele aus den Medien aufzugreifen, sollten die vielen Erfolgsgeschichten und positiven Entwicklungen stärker sichtbar werden. "Es gibt so viel Potenzial", sagt er. Die guten Beispiele verdienten mehr Aufmerksamkeit.




