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Rabbe, Wilhelm

Pfarrer an St. Georg, geb. um 1390 in Bocholt, gest. 7. September 1459.

Als junger Kleriker suchte er am päpstlichen Hof um eine Pfründe nach. Urkundlich nachweisbar ist er in unmittelbarer Nähe der Päpste zu finden:

1418 in Genf noch als Kleriker mit niederen Weihen,

1429/30 in Rom als Magister und "sacri palatii causarum notarius" mit Rechtsgeschäften befasst,

1432 auf dem Konzil zu Basel, wo er im Auftrag der Stadt Bocholt in dem Streit um die Pfarrrechte in Werth vermittelte.

1433 hatte er eine Stelle als Kanoniker an St. Martini in Münster inne.

1434 hielt er sich für kurze Zeit in Bocholt auf. Obwohl  ihn eine Urkunde erst 1438 als Pfarrer an St. Georg benennt, bekleidete er das Amt vermutlich schon seit 1436.

1447 konnte er aufgrund seiner Beziehungen zur päpstlichen Kurie und seiner Rechtskenntnisse den langjährigen Werther Parochialstreit beilegen.  

Er trieb den 1415 begonnenen Bau der St.-Georg-Kirche im gotischen Stil voran. Während seiner Tätigkeit stifteten reiche Bürger fünf neue Vikarien, wodurch die St.-Georg-Kirche mit den entsprechenden Altären ausgeschmückt wurde. Eine sechste Vikarie St. Martini errichtete Rabbe persönlich. Die  Vollendung der gotischen St.-Georg-Kirche erlebte Wilhelm Rabbe nicht.  

Lit.: Friedrich Reigers, Geschichte der Stadt Bocholt, Band I, Bocholt 1891, S. 632 ff und 713. Elisabeth Bröker, Die Martinsvikarie an der Georgskirche zu Bocholt und ihr Stifter Pfarrer Wilhelm Rabbe, in: UNSER BOCHOLT Jg. 28 (1977) H. 3, S. 31-36.

Ursula Rüter (29.06.09 17:21 Uhr)


Rademaker, Franziska

Sie entstammte einer Familie, die seit Jahrhunderten in der Stadt Bocholt und im Unkreis beheimatet war. Ihr Vater verheiratete sich in Holland, so dass Franziska am 19.Juli 1878 in Amsterdam geboren wurde. In ihrem 5. Lebensjahr verstarb ihr Vater. Sie kam zurück in die Familie nach Bocholt und wuchs hier mit ihrer Schwester auf.  

Nach dem Besuch der damaligen Töchterschule studierte sie bei den Schwestern Unserer Lieben Frau in Tegelen. Bereits mit 18 Jahren legte sie das Lehrerinnenexamen für Volksschulen, mittlere und höhere Schulen ab. Zunächst unterrichtete sie als Privatlehrerin. Nach einem zusätzlichen Examen in französischer Sprache wurde Franziska Rademaker 1900 Lehrerin am katholischen Lyzeum in Düren. Aus gesundheitlichen Gründen musste sie schon mit 38 Jahren ihren Beruf aufgeben. Sie widmete sich seitdem ganz der schriftstellerischen Arbeit.  

Ihr Kevelaer-Roman "Das Ave der Heimat" wurde zu einem Bestseller, der mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren großen Anklang fand. Das Zweite Werk, "Monika Hagemanns Liebe" beschäftigte sich mit dem Kommunismus und der katholische Soziallehre. (Beide Bücher erschienen  im Verlag Butzon und Berker, Kevelaer.)  

Inzwischen siedelte Franziska Rademaker nach Köln über, wo sie bis 1943 wohnte. Hier veröffentlichte sie in Zeitungen und Zeitschriften verschiedene größere Novellen (Die sieben Betrübnisse von Kalkar, Unter den Flügeln des Seraphs, Giotto Novelle). 1934 erschien ein kulturhistorischer Roman, der um das Jahr 1000 auf dem Berg Elten spielt mit dem Titel "Luitgardis, die Frau von  Hohenelten"  (Späterer Titel "Berg der Schicksale.). Weitere Bücher sind: "Der große Sendling", ihr Bonifatiusroman (1947), ihr Volksbuch "St. Nikolaus" (1949) und "Das Mädchen Ka sucht Deutschland". In diesem Buch schildert sie ihre Jugendzeit in Bocholt.  

Nachdem sie durch Kriegseinwirkungen ihr Heim in Köln verloren hatte, zog sie nach Olsberg ins Sauerland. 1951 verließ sie Olsberg wieder und fand Aufnahme im Hause "Regina Pacis" in Kevelaer. Hier wohnte sie am Ort ihres ersten Romans, im Schatten der Gnadenkapelle. Außer regelmäßiger Mitarbeit an der Bistumszeitung "Kirche und Leben" schrieb sie in diesen Jahren den Roman "Das Paradies" und veröffentlichte einen Band mit niederrheinischen Novellen unter dem Titel "Am scheidenden Rhein." Lange Jahre arbeitete sie noch an einem Roman, der um das Jahr 1200 in Trier spielte.  Sie schildert darin die Begegnung eines Katharers mit einer gläubigen Stickerin aus der Abtei St. Matthias. Leider konnte sie dieses Werk nicht mehr vollenden.

Nach dem 75. Geburtstag ließen ihre Kräfte langsam nach. Schwere Leiden verursachten ihr eine Fülle körperlicher und geistiger Beschwerden. Sie verschied am 3. Februar 1961 und ruht auf dem Friedhof in Kevelaer, wenige Schritte vom Kreuzweg entfernt, auf dem die Prozessionen ziehen, deren Singen und Beten sie in ihrem Buch "Ave der Heimat" schilderte.

Lit. P.M. Schulte, Lebensbilder westfälischer Frauen, in  Unser Bocholt, 12.Jg. (1961), H. 3, S. 19-20.  

Johann Telaar (01.12.08 17:28 Uhr)


Radrennbahn in Spork

Es ist in der Bevölkerung wenig bekannt, dass es bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Spork (damals eine Gemeinde des Amtes Liedern-Werth, heute Bocholt) eine Radrennbahn gab.  

Der damalige Besitzer von Gut Heidefeld, Clemens Dierkes, baute 1898 zusammen mit einer Aktiengesellschaft in einer Weide von 16 Morgen Größe eine Radrennbahn. Die Architekten der Bahn waren Pries und Reichel. In den Annalen des Bocholter Radsportvereins heißt es, dass die Bahn weit und breit die erste mit einem Zementoval war. Mancher Weltmeister ist hier gestartet und hat seine Runden gedreht.  

Wenn man bedenkt, dass 1880 in München die erste Radrennbahn gebaut wurde, kann man die Sporker wohl als Pioniere des Radsports bezeichnen.   In Bocholt bestand die Radrennfahrervereinigung "Staubwolke", die auf der Sporker Radrennbahn auch internationale Renntage veranstaltete. Zu dieser Zeit waren in Deutschland auf solchen Bahnen Steher-Rennen und sog. Flieger-Rennen sehr populär. Die Rennräder der Fahrer hatten luftgefüllte Reifen. Die Rennfahrer trugen noch keine spezielle Sportkleidung, sondern fuhren in ihrer Alltagskleidung. Auf Fotos aus dieser Zeit kann man sehen, dass Sturzhelme aber durchaus schon gebräuchlich waren.  

Der Erste Weltkrieg (1914-1918) setzte dem Sportbetrieb auf der Radrennbahn in Spork ein Ende.   Auf dem Gelände der Radrennbahn wurde am 21. Juni 1932 der Grundstein für die St.-Ludgerus-Kirche gelegt. Dazu mussten die in Beton gegossenen Kurven abgebrochen und das Gebiet der ehemaligen Radrennbahn eingeebnet werden.   Erst nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) baute die Stadt Bocholt eine neue Radrennbahn am Hünting, wobei auch Bombenschutt aus der am 22. März 1945 zerstörten Stadt verwendet wurde.    

Lit.:   N.N., "Heimatgeschichte der Kirchengemeinde Spork", Bd 1-3, in der Kirchengemeinde Spork (ab 11. Juli 2010 St.-Bernhard-Kirchengemeinde Lowick. Sundermann, Werner. "50 Jahre St. Ludgeruskirche" (Heimatgeschichte der Pfarrei St. Ludgerus Spork), Bocholt "Chronik der Kath. Kirchengemeinde St. Ludgerus Spork" (Festschrift zum 50-jährigen Pfarrjubiläum 2001/2002).

Helga und Werner Sundermann (05.07.10 16:14 Uhr)


Raesfeldstraße

Die Raesfeldstraße wurde nach dem Bürgermeister der Stadt Bocholt (1817-1824), Bernhard von Raesfeld (1791-1868) benannt.

Lit.: Gerhard Schmalstieg, Straßennamen in Bocholt nach nur hier bekannten Personen, in: UNSER BOCHOLT Jg. 55 (2004) H. 4, S. 53-72. Wilhelm Seggewiß, Bocholter Straßen erzählen Geschichte, in: UNSER BOCHOLT Jg. 39 (1988), H. 2, S. 55.


Raestrup, Johannes (Hans)

Als Sohn eines Gutsbesitzers am 01.07.1878 in Unterstromberg/Westfalen geboren, am 15.10.1964 gestorben.

Abitur am Warendorfer Gymnasium.

Studium: Latein, Griechisch, Deutsch.

Nach der Ausbildung 1906 Oberlehrer am Städtischen Gymnasium Bocholt.

1914 zum Reserve-Infanterieregiment 130 nach Metz. Zweimalige schwere Verwundungen. Seine militärische Haltung im 1. Weltkrieg als Oberleutnant, Bataillonsführer und später als Kommandant bei Verdun galt als vorbildlich. Orden und Beförderungen: Eisernes Kreuz II. Klasse, 1916 Eisernes Kreuz I. Klasse nach Teilnahme an der Schlacht um Verdun, November 1916 Hauptmann, 1917 Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit Krone und Schwertern.

November 1918 lehnt Raestrup die Ernennung zum Major durch die linkslastigen Arbeiter- und Soldatenräte ab. Stattdessen schloss er sich dem "Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten" an und wurde dessen Kreisführer. Der Stahlhelm galt in Bocholt als Sammelbecken der Nazi-Opposition aus dem nationalen Spektrum. Als der Stahlhelm 1934 "gleichgeschaltet" und aufgelöst wurde und seine Mitglieder in die SA "übernommen" wurden, weigerte sich Raestrup: er blieb weiter überzeugter und praktizierender Katholik.

Nach Kriegsende 1918 lehrte Raestrup als Gymnasialprofessor mit den Fächern Deutsch, Latein, Geschichte wieder am Städtischen Gymnasium Bocholt. 1934 wurde er als Nachfolger des von Nazis "entfernten" Oberstudiendirektor Sommer Leiter des Gymnasiums und des Realgymnasiums (von den Nazis in "Oberschule für Jungen" umbenannt), zeitweise auch des Mädchengymnasiums. 1936 Ernennung zum Oberstudiendirektor. Nach der "Heilkräuteraffäre" (1943) wurde Raestrup zum 1.2.1944 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Nach dem Urteil seines Kollegen Dr. B. Harling war er ein "beliebter" Direktor, den laut Nachruf eines weiteren Kollegen, Dr. Herdemann, "Ehre und Treue als Grundzüge seines Wesens" auszeichneten.  

Lit.: St-Georg-Gymnasium Bocholt, Schuljahr 1981/82, Projektwoche "Die Reihen fest geschlossen. Widerstand im Dritten Reich. Dargestellt am regionalgeschichtlichen Beispiel der Stadt Bocholt - Projektgruppe A 6", S. 89-90. Eduard Westerhoff, Heilkräuteraffäre, in: UNSER BOCHOLT Jg. 44  (1993) H. 2,  S. 24-28. Othard Raestrup, Leben und Wirken von Prof. Hans Raestrup in: UNSER BOCHOLT Jg. 51 (2000) H. 1, S. 36-37.

Christian Heiduk (25.06.10 10:44 Uhr)


Rathaus, Historisches

"Curia, qua elegantia superiorem, nedum parem habet patria, probat Magnificentiam" Schon 1747 lobte in lateinischen Worten der Vredener Scholastiker und Historiker Jodocus Hermann Nünning das Gebäude überschwänglich. Heute wird man sein Urteil - "dieses Rathaus, dem an Schönheit keines gleichkommt im Vaterlande, zeigt die Großzügigkeit (der Stadt)" -, das sicherlich mit einem Schuss Lokalpatriotismus, versehen ist, ein klein wenig einschränken müssen. Dennoch können die Bocholter mit einer gewissen Berechtigung von sich behaupten, neben dem gotischen Prachtwerk des Rathauses in Münster den wohl wertvollsten Bau dieser Art im Münsterland zu besitzen. Zusammen mit der St. Georg Kirche, dem ältesten wichtigen Bauwerk Bocholts, bildet es den Mittelpunkt der Stadt.

Wer nun den Marktplatz von Osten her betritt und die St. Georg Kirche sucht, wird enttäuscht. In vielen anderen westfälischen und niederdeutschen Städten bilden Rathaus und Stadtkirche ein eindrucksvolles Ensemble - nicht so in Bocholt: vom Marktplatz aus gesehen herrscht die prächtige Schauwand des Rathauses allein und verdeckt die Ostansicht der Kirche.

Die Baugeschichte:

Bocholt hat heute zwei Rathäuser: Außer dem Historischen Rathaus noch ein modernes, das 1972 - 1977 zusammen mit einem Kulturzentrum auf einer künstlichen Aa-Insel errichtet wurde. Natürlich ist das nunmehr historisch genannte Rathaus, nicht das erste Gebäude, das die Bocholter zur Unterbringung ihrer Stadtverwaltung errichtet haben. Schon 1350 wird zum ersten Male ein neues Stadthaus ("nova domus oppidi") erwähnt, von dem wir wissen, dass es "by dem markede" (1423) lag. Es ist anzunehmen, dass diese an der gleichen Stelle gestanden hat, allerdings entsprechend der Zeit in Größe und Ausstattung sehr viel bescheidener. Die Stadtrechnungen der Stadt Bocholt geben Auskunft darüber, dass dieses Gebäude mehrmals restauriert worden ist, zuletzt 1595 - 97. 1606, als die Stadt gerade beginnt, sich von den Notjahren des Spanisch-Niederländischen Krieges zu erholen, entstehen erste Pläne zum Neubau eines Rathauses. Dass allerdings im Jahr der Grundsteinlegung 1618 der Dreißigjährige Krieg ausbrach, der erneut Unheil und große Kosten über Bocholt bringen sollte, konnten die Erbauer des neuen Rathauses nicht wissen. Vom Kriege zunächst unbehelligt, konnte der Außenbau bereits 1619 beendet werden. 1622 war auch der Innenausbau fertig, 1624 kamen dann die Fenster von dem künstlerischen "glasemaker" Jan van Lintelo aus Bocholt, dessen Vorlagen für Kabinettscheiben heute zu den großen deutschen Zeichnungen des Manierismus zählen. Das oben angeführte Zitat von J.H. Nünning zeigt, dass man sich auch im 18. Jahrhundert - trotz Barockzeitalter - noch des Wertes dieses Bauwerks bewusst war, das eindrucksvoll das Selbstbewusstsein dieser Stadt zeigt. Noch 1786 war die Schuldenlast so erdrückend, dass eine Sammlung zur notwendig gewordenen "Reparation" durchgeführt werden musste. Im 19. Jahrhundert begann dann der Niedergang des Rathauses, zumal sich in der Öffentlichkeit das Bewusstsein seiner Bedeutung "als Zeichen städtischer Hoheit" verringerte. Die gesamte Inneneinrichtung wurde zerschlagen und in alle vier Winde zerstreut, insbesondere, nachdem der Bau 1827 als Gerichtsgebäude vermietet und den Bedürfnissen eines Gerichts entsprechend umgestaltet wurde. 1911, bei Auszug des Amtsgerichtes, war das Gebäude dermaßen verfallen, dass eine vollständige Restaurierung unumgänglich war. Diese wurde jedoch wegen des 1. Weltkrieges und aus Mangel an Geld bis 1928 verschoben und konnte erst 1933/34 beendet werden.

Beim großen Luftangriff auf Bocholt am 22. März 1945 wurde das Rathaus erheblich beschädigt und brannte bis auf die Außenmauern ab. Der Wiederaufbau fand in den Jahren 1948 - 55 unter größtmöglicher Berücksichtigung des Originalzustandes mit den Bildhauerarbeiten des Bocholters Hermann (Manes) Schlatt statt.

Baustil und Form

Da sein Name in den Akten unerwähnt bleibt, ist uns über den Baumeister des Rathauses nichts bekannt. Das Gebäude verrät immerhin, dass er in den Niederlanden geschult worden sein muss, sein Werk repräsentiert einen Renaissance-Stil von seltener Feinheit, es gibt "keine Grenzverwischung weder nach der gotischen noch nach der barocken Seite" (Dehio, 1949). Die beeindruckende Wirkung des Bocholter Rathauses ergibt sich aus der Querstellung zum Markt, es steht nicht wie andere westfälische Rathäuser mit einer Giebelfront zur Schauseite. Die Fassade baut sich in drei nach oben niedriger werdenden Geschossen zu acht Achsen auf. Entsprechend dieser Ordnung ist das Erdgeschoss zur Marktseite in eine achtjochige Bogenhalle aufgelöst - nur das Soester Rathaus besitzt in Westfalen einen Bogen mehr. Die Kolonnade beruht auf Pfeilern, die seitlich und rückwärts Wandpilaster mit Beschlagwerk haben, während die Vorderseite mit ionischen Säulen besetzt ist. Die beiden folgenden Geschosse werden wiederum gegliedert durch Halbsäulen und Pilaster, der Dachansatz wird verdeckt durch eine hohe Balustrade, die auf kleinen Konsolen mit Tier- und Menschenfratzen ruht. Die Mitte wird durch einen dreistufigen Zwerchgiebel akzentuiert, der im mittleren Feld den heiligen St. Georg, den Stadtpatron, im Kampf mit dem Drachen zeigt. In dieser vollkommen symmetrisch gestalteten Schauseite, deren Wirkung durch die Wahl der Baumaterialien - die Wandflächen aus Backstein, die Architektur- und Zierteile aus Baumberger Sandstein - unterstützt wird, ist als einziges nichts symmetrisches Element im Obergeschoss dem zweiten Fenster von Süden ein Ziererker vorgesetzt. Er zeigt in der Mitte seines üppigen Frieses das Wappen der Stadt Bocholt zwischen zwei Rittern als Schildträger. Die Fenster des Erkers präsentieren die vier Haupttugenden der Stadt: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Tapferkeit. Über den Buchenbaum des Wappens ist zusätzlich der Balken des münsterschen Stiftswappens gelegt - Hinweis auf die landesherrliche Hoheit der Fürstbischöfe zu Münster. Über die gesamte Fassade ist eine verschwenderische bildhauerische Zier in Sandstein gebreitet, die über dem Zwerchgiebel in der Justitia mit Schwert und Waage gipfelt, während die Wetterfahnen von zwei Löwen, Sinnbild der Kraft und Stärke, gehalten werden. Zwei Wächter auf der Balustrade stehen für die Wehrhaftigkeit und Wachsamkeit der Stadt.

Im Erdgeschoss hinter der Laube befanden sich ursprünglich mit eigenen Eingängen (von Süden nach Norden, d.h., von links nach rechts) Gerichtsstube, Waage, Fleischhalle und Wache, während ganz rechts hinter dem achten Joch der eigentliche Haupteingang mit Treppe zu den Obergeschossen war. Im 1. Stock war die kleine Ratsstube, darüber der große Ratssaal, der in seiner heutigen Form nach dem Wiederaufbau des Hauses für Festsitzungen des Rates und Kulturveranstaltungen genutzt wird.

Seit 1982 zieren den Originalvorlagen (Johann von Lintelo) von Lucy Vollbrecht-Büschlepp nachgearbeitete Kabinettscheiben die dortigen Fenster zur Schauseite hin. Bis ins 18. Jahrhundert hatte das Rathaus in der Dachmitte einen Kaminaufbau, den sogenannten Storchenturm. An der Nordseite des Gebäudes weist die Inschrift "Inferius quaere abdita" vermutlich auf einen Geheimgang hin, der unterirdisch nach Norden verlaufen sein soll. Das Rathaus beherbergt heute im 1. Stock Bocholts Standesamt, im 2. Stock den Ratssaal, in dem alljährlich der Neujahrsempfang des Bürgermeisters sowie Kulturveranstaltungen stattfinden und im Erdgeschoss im linken Teil des Gebäudes eine Restauration.

Trauungen im schönsten Gebäude der Stadt sind auch am Samstag nach Absprache mit den Kolleginnen und Kollegen des Standesamtes möglich.

Ludwig Burwitz, Dr. Hans D. Oppel und Bruno Wansing (26.03.08 09:03 Uhr)


Richthofenstraße

Diese Straße erinnert an den erfolgreichsten deutschen Jagdflieger des ersten Weltkrieges Manfred Freiherr von Richthofen (1892 - 1918).Den Beinamen "Der Rote Baron" erhielt er nach dem Krieg, weil er die meisten Einsätze mit einer roten Maschine flog. Am 21. April 1918 stürzte er mit seiner Maschine ab.  

Lit.:  

Wilhelm Seggewiß, "Bocholter Straßen erzählen Geschichte", in:  Unser Bocholt, 39. Jg. 1988, Heft 3, S. 25.

Johann Telaar (26.07.10 14:11 Uhr)


Riespapp (Brauchtum)

In vielen Familien gab es und gibt es bis in die Jetztzeit neben den üblichen Gerichten wie Bratkartoffeln oder Buchweizenpfannkuchen zum Abendessen auch noch den "Papp", die Milchsuppe, in verschiedenen Ausführungen. Je nach Laune, Geschmack und Geldbeutel den einfachen "Määlpapp", den "Griesmäälpapp", den "Puddingpapp" oder den "Haferflockenpapp". Besonders lecker war der "Kernemelkspapp" (Buttermilchsuppe) wenn er mit Trockenpflaumen angereichert war.

Die Spitze aller Variationen war jedoch der "Riespapp" mit Zimt und Zucker, hinter dessen Bezeichnung sich der Milchreis verbirgt. Und heute, wie vor Jahren auch, ist er ein Festessen besonders für Kinder. Leider gab es dieses Festessen nicht sehr oft. Reis als Einfuhrgut war für viele Familien zu teuer gegenüber den herkömmlichen Nährmitteln wie Griesmehl oder Haferflocken. Für einen besonderen Genuss wurde bei Hochzeiten und bei diversen Anlässen der "Riespapp" als Nachtisch gereicht.

(Nicht ganz ernst zu nehmende Behauptungen besagen, dass es später im Himmel sogar "Riespapp met goldene Läpels" geben soll. Und auch heute noch behaupten viele Bocholter: "Riespapp ist der schönste Papp alle Päppe!")

Johann Telaar (05.03.07 11:53 Uhr)


Rika Hovestädt

Beruf Hausfrau. geb. 1909 in Bocholt, gest. 2002 in Bocholt. Konfession: röm. kath. Verheiratet mit Johann Hovestädt, der 1994 verstarb. Dem Ehepaar wurden zwei Söhne geboren.

Rika Hovestädt, geborene Valk, wuchs in einer Bocholter Arbeiterfamilie, und daher mit der plattdeutschen Sprache, auf. Die übliche Jungmädchenarbeit in der Textilindustrie blieb ihr der zarten Konstitution wegen erspart. Bis zu ihrer Verheiratung wirkte sie als Hausgehilfin in mehreren Geschäftshaushalten.

Mit den Jahren entdeckte sie ihr Talent, Menschen mit plattdeutschen Vorträgen Freude zu bereiten. Als Autodidaktin erwarb sie sich eine unverkennbare bühnenreife Sprechweise, die sie, gepaart mit ihrem außergewöhnlichen schauspielerischen Talent, geschickt einzusetzen wusste. Die meist heiteren Texte stammten größtenteils aus ihrer Feder. Gute fremde Arbeiten verschmähte sie nicht. Ihre beliebten Vorträge hielt sie bei Festlichkeiten von Pfarrgemeinden, Sozialstationen, Sport- und Gesellschaftsvereinen, städtischen Veranstaltungen und Bunten Abenden ihres geliebten "Plattdütsen Kring". In diesem Gremium wirkte sie auch an plattdeutschen Sprachwerken mit. Bis ins Alter von 93 Jahren trug sie ihre Texte auswendig vor. Beliebt und allseits bekannt, als die große alte Dame des Bocholter Platt, ist sie auf zahlreichen Videoaufzeichnungen zu bewundern.

Egon Reiche (10.10.06 08:50 Uhr)


Ritterstraße - Historische Häuser

5          Zweieinhalbgeschossiger, freistehender Backsteinbau mit ausgebautem, giebelständigem Krüppelwalmdach. Die Giebelzone durch ein kräftiges, umlaufendes Werksteinprofil betont. Das Kellergeschoss als Souterrain. Erbaut 1926 als staatliches Gesundheitsamt. Architekt Preußisches Hochbauamt Münster. 1945 zerstört. 1946 als Gesundheitsamt wiederaufgebaut. Straßenfassade zu drei zentrierten Fensterachsen, die mittlere im Obergeschoß durch halbrunden Balkon mit schmiedeeisernem Geländer hervorgehoben. Die Fenster mit schlichten Werksteinrahmen, im Obergeschoß das mittlere als Balkontür. Nordfassade zu fünf Fensterachsen. Zentraler rundbogiger Hauseingang mit profiliertem Werksteingewände, von einer Glas-Stahlkonstruktion überbaut. Südfassade zu sechs Fensterachsen, durch Garagenanbau mit Terrasse überbaut. Heute als Wohnhaus genutzt.

11        Zweigeschossige, freistehende Jugendstilvilla mit ausgebautem Walmdach und je einer dreifenstrigen Walmdachgaube im Süden und Osten, sowie einer einfenstrigen im Norden. Erbaut 1925 für den Ingenieur Fritz Isfort. Architekt Carl Heidecke, Bocholt. Putzfassaden mit drei zu zwei Fensterachsen durch umlaufende schmale Stuckprofile unter den Fensterbrüstungen horizontal gegliedert. Straßenfassade mit jeweils verschiedenen Fensterformen. Die Fenster mit schlichten Putzrahmen und Sprossengliederung in den Oberlichtern. Im Erdgeschoß rechts vom Eingang Zwillingsfenster mit dezentem Segmentbogen über dem Sturz, links ein Segmentbogenerker mit drei Fenstern. Zentraler Hauseingang unter einem Portikus mit Freitreppe. Über dem Portikus Balkon. Dieser ebenso wie die Freitreppe mit schmiedeeisernem Geländer. Im Westen zweigeschossiger Anbau mit Flachdach. Schönes Beispiel für die mittelständische Wohnkultur der 20er Jahre.    

15        Zweigeschossiges, freistehende Eckhaus mit ausgebautem Walmdach. Im Osten und Westen zweifenstrige Walmdachgauben. Erbaut 1926/27 durch den Bocholter Bauverein e.V. als "Flüchtlingslehrerwohnungen". Architekt Dipl. Ing. Karl Tangerding, Bocholt. Backsteinfassaden mit drei zu zwei symmetrischen Achsen. Unter dem Dachansatz profiliertes Hauptgesims. Die mittlere Fensterachse der Hauptfassade in beiden Geschossen rechts und links von je einem schmalen Nebenfenster flankiert, im Erdgeschoss durch Doppellisenen, im Obergeschoß von einem Gesims über den Fensterstürzen gegliedert. Die drei Fensterachsen des Obergeschosses durch ein gemeinsames, kräftig profiliertes Sohlbankgesims zusammengefasst. In der Dachzone die Mittelachse durch einen profilierten Dreiecksgiebel mit Rombenfenster bekrönt. Alle Fenster mit schlichtem Rahmenprofil und Sprossengliederung. Zentraler Hauseingang über Freitreppe. An den zweiachsigen Schmalseiten im Westen und Osten das Gliederungsmuster der Hauptfassade wiederholt. Auf der Rückseite in beiden Geschossen vier schmale und ein größeres, symmetrisch angeordnetes Fenster.    

Lit.:

UNSER BOCHOLT 1981, Heft 3, S. 39.     17       

Siehe Haus Nr. 15, jedoch ohne Gauben und Sprossenfenster. Die Fenster der Rückseite z. T. als Blindfenster.

20        Siehe Haus Nr. 22. Erbaut für den Ingenieur Wilhelm Cremer. Die Frontfenster mit Lamellenblendläden und Sprossengliederung in den Oberlichtern. Die Giebelseite des Walmdaches mit Dreiecksfenster im Dachspitz. Kellergarage unter der inneren Fensterachse und Hauseingang unter einem im vorderen Teil als Loggia gestalteten, seitlichen Anbau mit Walmdach. Die Fenster im Obergeschoß über dem Eingang durchlaufend vergittert.    

22        Zweigeschossige Doppelhausvilla im Stil des Art Deco mit ausgebautem, geschweiftem Walmdach und gemeinsamem, durch ein lünettenförmiges Stuckornament im Dreiecksgiebel verziertes Zwerchhaus. Erbaut 1924 für den Gewerkschaftssekretär Gustav Krüger. Architekt Ludwig Beier, Bocholt. Putzfassade zu zwei Fensterachsen durch ein umlaufendes schmales Stuckgesims unter den Fenstern des Obergeschosses horizontal gegliedert. Die äußere Fensterachse im Erdgeschoß durch einen dreifenstrigen Erker mit abgeschrägten Ecken und darüber liegendem Balkon mit massiver Brüstung, die inneren Fenster im Erdgeschoß durch ein Rundbogenornament betont. Überdachte Hauseingänge mit seitlichen Nebenfenstern über Freitreppe im Norden bzw. Süden. Über dem Eingang von Haus Nr. 22 Stuckornament ähnlich dem über den Erdgeschoßfenstern. Im Obergeschoß drei kleine Nebenfenster.    

24        Zweigeschossige, freistehende Villa mit geschweiftem Walmdach im Stil des Art Deco. Erbaut 1925 für den Fabrikanten Bernhard Rensing (1872-1960). Architekt Ludwig Beier. Symmetrische Putzfassade zu drei Haupt- und zwei Nebenachsen mit segmentbogenförmigem Mittelrisalit, durch ein umlaufendes schmales Stuckgesims unter den Fenstern des Obergeschosses horizontal gegliedert. Die beiden äußeren Achsen auf jeder Seite risalitartig betont, im Obergeschoss mit Putzrahmungen. Der Mittelrisalit mit drei großen, geschossübergreifenden Fenstern. Darunter der zentrale Haupteingang mit glattem Gewände über einer halbrunden Freitreppe, flankiert von zwei kleinen vergitterten Nebenfenstern. Der Eingangsbereich, ebenso wie die äußeren Fenster im Erdgeschoss durch einen stuckiertes Giebelornament zusammengefasst. Im Norden Lieferanteneingang über Freitreppe. Auf der Südseite im Obergeschoß zwei Fenster. Die Gartenfassade zu sieben Fensterachsen durch Lisenen und Kapitelle gegliedert, die an eine Kolossalordnung anklingen. Die beiden äußeren Achsen zu je zwei Fenstern als Risalite mit Dreiecksgiebeln zu je einem Fenster ausgebildet. Die Mittelachse im Erdgeschoß als Rundbogenerker zu fünf Fenstern, im Obergeschoß zu einem Balkon mit massiver Brüstung ausgebaut, dahinter drei Fenster, im Dachgeschoss große Dreiecksgaube. Vorgarten mit schmiedeeisernem Gitter, ursprünglich mit Lattenzaun zwischen Mauerpfeilern.  

Lit.:  

UNSER BOCHOLT 1981, Heft 3, S. 40; 2007, Heft 4, S. 32; 2009, Heft 1, S. 48 ff.    

29        Zweigeschossige Doppelhausvilla mit ausgebautem Walmdach. Erbaut 1928/29 von dem Bauunternehmer Dietrich Kempers, Bocholt. Schlichte Backsteinfassaden zu zwei Fensterachsen. Die äußeren im Erdgeschoß durch einen dreifenstrigen Segmentbogenerker mit darüber liegendem Balkon und schmiedeeiserner Brüstung betont. Die inneren bilden im Erdgeschoß über Freitreppen die etwas aus der Achse verschobenen Hauseingänge mit profiliertem Backsteingewände und reich verzierter originaler Haustür. Rechts bzw. links der Türen je ein, bei Haus Nr. 31 vergittertes Nebenfenster. Die Fenster mit Werksteineinfassungen und Sprossengliederung, sowie mit Lamellenblendläden versehen. Auf der Nord- und Südseite lediglich je ein Fenster im Erdgeschoß. Im Westen Verandaanbauten mit darüber liegender Terrasse. Gepflegte Vorgärten.    

31        Siehe Haus Nr. 29. Die Fenster jedoch ohne Lamellenblendläden.    

Achim Wiedemann (15.03.10 19:03 Uhr)


Rom

Vom "Vatikan" und "Pius" bis nach "Rom" ist es für den Volksmund nicht weit. Als Pius, der  Herr des "Vatikans", daran ging, für seine Weber an der Werther Straße Wohnungen zu bauen, nannte man diese Siedlung scherzhaft einfach "Rom".

Der Name dieser Siedlung ist auch heute noch lebendig in dem Straßennamen "Rom".  

Lit.:

Werner Schneider, In drei Stunden nach England, Rom und Jericho, in: UNSER BOCHOLT, Jg. 9 (1958) H. 3, S. 8-15.   Johann Telaar (31.08.10 09:27 Uhr)


Roonstraße

Eine weitere Straßenbenennung aus dem Generalsviertel ist die Roonstraße. Roon, (1803 - 1879) war Preußischer Generalfeldmarschall und Politiker, der u.a. 1862 die Berufung Bismarcks zum Ministerpräsidenten veranlasste.

Lit.:  

Wilhelm Seggewiß "Bocholter Straßen erzählen Geschichte", in: Unser Bocholt, 39. Jg. 1988, Heft 3, S. 25.

Johann Telaar (23.02.10 16:20 Uhr)


Alois Rosenthal

Stadtbaumeister Alois Rosenthal wurde am 25. März 1902 als Ältester von 10 Kindern in Duisburg-Marxloh geboren. Er wuchs in Walsum-Aldenrade auf. Nach seinem technischen Studium in Essen und einigen Ausbildungsjahren in anderen Städten als junger Architekt und Bauingenieur trat er 1925 in den Dienst der Stadt Bocholt ein, wo er für das Hochbauamt bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 1965 verantwortlich war. "Diese Jahre haben... in der Stadt Bocholt Spuren hinterlassen", sagte man anlässlich seines 85. Geburtstages 1987 über ihn.

In Bocholt erhielt Alois Rosenthal seinen ersten großen Bauauftrag 1927, wo er das 1931 eingeweihte St.-Georg-Gymnasium nach den Plänen von Dipl.-Ing. Hitzblech, Düsseldorf, erstellte. Dieses blieb 1945 vom Luftangriff verschont. Rosenthal begleitete die erste große Restaurierung des Historischen Rathauses von 1927-1934 sowie nach dem Zweiten Weltkrieg dessen Wiederaufbau.  

Die 1936 von der Stadt Bocholt gegründete Bocholter Wohnungsbaugesellschaft sorgte für die ersten sozialen Wohnungsbauten in Bocholt und Alois Rosenthal war von 1939 bis 1943 deren stellvertretender Geschäftsführer. Das heute unter Denkmalschutz stehende Friedhofsgebäude mit Leichenhalle an der Blücherstraße errichtete die Stadt Bocholt 1937 ebenfalls unter der Bauleitung von Stadtbaumeister Rosenthal.

Von der SA wurde im ganzen Reich, so auch in Bocholt, der Bau von Behelfsheimen für Bombengeschädigte in Angriff genommen. Das erste in ehrenamtlicher Arbeit von den Männern des Sturmbannes 1/8 errichtete Musterhaus auf dem Hünting wurde am 19. Dezember 1943 seiner Bestimmung übergeben. Stadtbaumeister Rosenthal hatte dazu die gesamten Arbeiten geleitet. Bis März 1945 entstanden rund 150 Behelfsheime am Rosenberg, an der Walderholung und in den Moddenborg-Fichten.  

Während des Krieges setzte die Stadtverwaltung Alois Rosenthal auch anderweitig ein, z.B. übernahm er zeitweise die Leitung der Stadtwerke, des Lagerhofs, und der Feuerwehr. Hinzu kamen Kriegsverpflichtungen bei der Organisation Todt (OT). Hierbei handelte es sich um eine nach militärischem Vorbild organisierte Bautruppe mit dem Ziel "Bauen für Staat und Wehrmacht", die 1938 nach dem Nazi-Generalinspekteur für das Straßenwesen Dr. Fritz Todt ihren Namen erhielt. Am 10. August 1944 wurden vom Bauamt der Stadt Bocholt die letzten Hochbaubeamten (Stadtbaumeister Rosenthal und Bauinspektor Elster) zum Schanzendienst für den Osten freigegeben.  

Mitte 1945 legte Alois Rosenthal die Führung der Bocholter Feuerwehr wegen beruflicher Belastung nieder. Der Wiederaufbau einer zu 85% durch Bomben zerstörten Stadt forderte seinen vollen Einsatz. Nach dem Motto von Oberstadtdirektor Ludwig Kayser "Jedes Jahr eine neue Schule" konnten bis zur Pensionierung von Alois Rosenthal in Bocholt 14 Schulgebäude neu- bzw. wiederaufgebaut werden. Hinzu kam der Wohnungsbau, die Erstellung des Meckenem- und des Freibades und vieles mehr. Sein Nachfolger im Hochbauamt der Stadt Bocholt, Ernst Keller, bezeichnete ihn als einen "Baumeister von echtem Schrot und Korn".  

Im Alter von 89 Jahren starb Alois Rosenthal am 8. Mai 1991 in Bocholt. Er war mit der aus Bocholt stammenden Grete Riesnert verheiratet. Die standesamtliche Trauung fand am 13. Juli 1929 in Bocholt statt, die kirchliche Heirat folge zwei Tage später in Wesel. Das Ehepaar hat zwei Töchter.

Lit.:

Elisabeth Bröker u.a., Kriegschronik der Stadt  Bocholt 1939-1945, bearb. von G. Schmalstieg, in: Bocholter Quellen und Beiträge 7, hg. v. der Stadt Bocholt, Stadtarchiv, Bocholt 1995, S. 304,305,345 u. 393.

Chronik der Städtischen Freiwilligen Feuerwehr Bocholt 1907-2007,in: Unser Bocholt, 58. Jg. (2007), H. 1, S. 14. Stadtbaumeister Rosenthal 60 Jahre alt, in: Bocholter Borkener Volksblatt vom 24.3.1976 (Inv.-Nr. des Stadtarchivs Bocholt Z-SB XXVI Nr. 131).

Quelle:

Manuskript von Ernst Keller (ehem. Leiter des Bocholter Hochbauamtes) zum 85. Geburtstag von Alois Rosenthal im Nachlass von A. Rosenthal und mündliche Auskunft von Margret Rosenthal (Tochter von A. Rosenthal), April 2008.

Annemarie Rotthues (10.11.08 14:33 Uhr)


Rotenburg

Eine bis 1928 am heutigen Benölkenplatz gelegene " Schankwirtschaft mit Saalgebäude", die an der Stelle des heutigen St.-Georg-Gymnasiums stand.Es handelte sich um ein zweieinhalbgeschossiges Gebäude in Nord-Süd-Richtung, das nach Westen hin einen hallenartigen Saalanbau hatte. Die Rotenburg wurde vom 01.12.1928 bis zum 01.03.1929 durch das Bauunternehmen August Hülskamp sen. abgerissen.    

Lit.:

Klaus Dierkes, Zur Baugeschichte des St.-Georg-Gymnasiums, in.: UNSER BOCHOLT Jg.29, H. 3, S. 23-26.

Gerlinde Lisson (16.06.09 10:52 Uhr)


Roth & Budenberg

Am 1.5.1874 gründeten Wilhelm Roth und Erhard Budenberg die o.g. Firma zunächst in der Bahnhofstrasse. 1887 zog die Weberei mit 66 Arbeitern in den Neubau der Mietweberei Koch & Sohn, Mussumer Kirchweg / Frankenstraße ein. Nach dem Ausscheiden von W. Roth war Erhard Budenberg Alleininhaber. Er hatte keine Erben und bot deswegen Emil Donders (1876 - 1940), der seit 1907 Prokurist war, die Nachfolge an. Dieser holte aus Finanzgründen Leo Kerstiens mit in die Firma. Beide Herren wurden 1908 als neue Inhaber in das Handelsregister eingetragen. 1916 übernahm man den Betrieb Walter Reygers Münsterstr. 127.  

Der 2. Weltkrieg wurde ohne Bombenschaden überstanden, jedoch fielen von den vier Söhnen des Emil Donders drei, während der vierte bereits im Krieg katholischer Geistlicher geworden war. Daraufhin übernahm die Tochter Helma, Textilingenieurin, die Firma. Sie heiratete Reinhold Kuhn, der in die Firma eintrat. Er und Josef Kerstiens, Sohn von Leo Kerstiens, wurden 1956 persönlich haftende Gesellschafter. 1972 ist der Betrieb an die benachbarte Konkurrenzfirma Walter Reygers verkauft worden. Auch diese Firma existiert inzwischen nicht mehr. Das Firmenarchiv befindet sich im Stadtarchiv Bocholt.

Lit.:

E. Westerhoff 1984 "Die Bocholter Textilindustrie", Bocholt, 1984, 2.Auflage. S. 141-142

Margret Bongert (16.06.09 11:05 Uhr)


Aktiengesellschaft Baumwoll-Spinnerei "Rothe Erde" später F. H. Hammersen GmbH

Handelsregistereintrag am 21. Okt 1897. An der Werther Str. 78 wurde ein Jahr später die Spinnerei mit einer Schlichterei errichtet. Im Jahr 1916 wurde der Betrieb stillgelegt und 1918 an die Firma Hammersen, Osnabrück, verkauft. Anfang des Zweiten Weltkrieges liefen 35.000 Spindeln und 360 Webstühle, die 1941 abgestellt wurden. Im April 1946 liefen die ersten Webstühle wieder an, wobei ein Weber mit einem Stundenlohn von 0,75 Reichsmark vier Webstühle bediente. 1992 wurde die Firma von der Dierich-Holding AG, Augsburg, übernommen und zuletzt mit 75 Mitarbeitern im März 1993 geschlossen.

Lit.:

Aus der Geschichte und zum Wiederaufbau der Firma F.H.Hammersen in Bocholt, in: Unser Bocholt,4.Jg.(1953),H.6,S.191-204. Eduard Westerhoff, Die Bocholter Textilindustrie. Unternehmer und Unternehmen, 2. überarb. Aufl., Verlag Temming Bocholt 1984, 255 S.

Johann Telaar (27.09.10 09:33 Uhr)


Rudolf Karstadt AG

Im März 1921 wurde die Firma Rudolph Karstadt AG in das Handelsregister Bocholt eingetragen. Vorstandsmitglieder waren Sigismund Weyl, Paul Braunschweig, Siegfried Braunschweig, Ernst Braunschweig (der später zur Zentrale nach Hamburg ging), Ernst Weyl, Karl Weyl und Hugo Weyl. Vorausgegangen war die Verkäufe der Firmen Gebr. Braunschweig und S.A. Weyl & Sohn an den Kaufhauskonzern. Mit der Übernahme setzte eine lebhafte Bautätigkeit ein, die von 1922 bis 1926 dauerte. Der Betrieb Braunschweig wurde umgestaltet, z.T. auch abgerissen und neu gebaut. Auf dem großen Weylschen Grundstück (Kaiser-Wilhelm-Str., Frankenstr. Friesenstr. und Welfenstr.) ist nur umgebaut und renoviert worden. Zu erwähnen sei hier besonders der Bau eines Maschinen- und Kesselhauses mit Kohlenbunker, das viergeschossige Fabrikations- und Lagergebäude und das Bürohaus an der Kaiser-Wilhelm-Straße, erbaut 1923 (heute Siemens AG) Es gab nach wie vor Spinnerei- und Webereigebäude und einen 22 m hohen Wasserturm, der 1982 gesprengt wurde. Hergestellt wurden Decken, Inlett, Gerstenkorn-Handtücher (Frottierart) für die  Karstadt-Warenhäuser. 1930 hatte die Firma noch 1.521 Arbeiter. Die Weltwirtschaftskrise zwang jedoch 1931 zur Schließung des Unternehmens und 1.200 Menschen standen auf der Straße.

Am 23.09.1933 wurde in das Handelsregister eingetragen, dass die Firma Rudolph Karstadt AG erloschen sei. Die Gebäude gingen u.a. an die Firmen A. Friedr. Flender AG, die Siemens & Halske AG. Berlin, Felix Tetzner und Gebr. Ahlers.

Die Spinnereigebäude an der Frankenstraße, erbaut 1925, ging an die Westdeutsche Feinspinnweberei Kersten & Sohn.  

Lit.:

Eduard Westerhoff, Die Bocholter Textilindustrie. Unternehmer und Unternehmen, 2. überarbeitete Aufl., Verlag Temming Bocholt 1984, S. 112-115.  

Margret Bongert (16.09.10 09:02 Uhr)


Nienhaus & Jungkamp

Diese Firma ging aus der ursprünglichen Firma Joh. Ruenhorst & Cie., gegr. 1906, hervor. Dabei handelte es sich um eine Lohnweberei an der Kurfürstenstr. 43. 1919 vermerkt das Handelsregister, dass Johann Ruenhorst gestorben und Wilhelm Klaas in die Firma eingetreten ist. 1920 wird vermerkt, dass die Erben des Wilhelm Klaas ausgeschieden sind und dafür Bernhard Jungkamp eingetreten ist. Seither nannte sich die Firma Nienhaus & Jungkamp.

Im zweiten Weltkrieg wurde die Firma 1942 stillgelegt und der Betrieb 1945 vollständig zerstört. Da an eine Wiederaufnahme der Textilproduktion noch nicht zu denken war, wurden nach dem Krieg zunächst Betonfenster hergestellt. In Bocholt nannte man Nienhaus & Jungkamp daraufhin "Beton-Weberei". Diese Fenster als Kompensationsware ermöglichten dann auch den Wiederaufbau der Weberei.

1949 wurde Wilhelm Jungkamp geb. 1921 als Sohn von Bernhard Jungkamp persönlich haftender Gesellschafter. In den 50er Jahre musste aus einer Sicherungsübereignung die Einrichtung einer Kleiderfabrik übernommen werden, und so startete auch eine Konfektion, für die man aber nicht die richtige Kundschaft hatte. Bis 1965 ließ man dann die Weberei langsam auslaufen und produzierte Hosen etc. nur noch aus zugekaufter Meterware. In den 90er Jahren ist die Firma dann ganz aufgelöst worden.

Lit.:

Eduard Westehoff, Die Bocholter Textilindustrie. Unternehmer und Unternehmen, Bocholt1983, S. 132-134.

Margret Bongert (07.09.10 09:04 Uhr)


RWE

(Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk)

versorgte seit 1911/12 Bocholt und die Umgebung bis zum Niederrhein von Wesel aus mit Strom. In Bocholt bezogen die Stadtwerke den Strom von RWE und verteilten ihn bis in Haushalte und Gewerbebetriebe. Die Bocholter Industrie und die Umgebung von Bocholt wurden vom RWE direkt versorgt. 1929 baute RWE an der Dingdener Str. eine 110 000 Volt (110 kV) Freiluft-Schaltanlage, die bis heute Hauptversorgungspunkt des Bocholter Raumes ist. Auf dem gleichen Gelände war auch die "Betriebsabteilung Bocholt" des RWE mit Büros, Fahrzeugpark und Werkstätten eingerichtet und die zahlreichen Montagekolonnen so wie der ständige Entstörungsdienst untergebracht. Im September 1971 übernahm die Stadtwerke-Tochter BEW das Mittelspannungsnetz (25 und 10 kV) vom RWE und versorgte dann im bisherigen alten Stadtgebiet auch die Industriebetriebe (außer Fa. Flender). Im Januar 1979 wurde zur Erhöhung der Versorgungssicherheit eine weitere 110 kV Anlage als Innenraumanlage an der Schwarzstraße gebaut, mit 110 kV Kabelzuleitung von der Dingdener Str. Ab 1. Januar 1996 übernahm die BEW vom RWE die Stromversorgung im Gesamtgebiet der durch die kommunale Gebietsreform vergrößerten Stadt Bocholt. Da RWE damit in Bocholt und Umgebung keine weiteren Versorgungsaufgaben mehr hatte, wurde die Betriebsabteilung aufgelöst und das Personal, soweit nicht von BEW übernommen, auf benachbarte Betriebsabteilungen wie Wesel oder Kalkar verteilt.

Lit.:

Werner Brandt, Dietmar Wallisch, Geschichte der Bocholter Stromversorgung, in: UNSER BOCHOLT Jg. 25 (1974) H. 1, S. 22-25.

Werner Brandt, 85 Jahre Strom in Bocholt, in: UNSER BOCHOLT Jg. 49 (1998) H. 3, S. 24-36, mit Fotos und Erläuterung von Fachbegriffen und Abkürzungen.

Werner Brandt, Geschichte und Geschichten um die Stromversorgung. Erinnerungen eines Zeitzeugen aus 30 Jahren beim RWE, unveröffentl. Manuskript.

Werner Brandt (31.08.10 10:20 Uhr)