Erinnerungen

Eine kurze Schwartzstraßengeschichte

Blick in die Schwartzstraße von der Christuskirche um 1930 - Privatbesitz und Einbau: Ewald Betting - Großversion mit KlickAnlass zu dieser selbst erlebten Zeitgeschichte war das 55-jährige Klassentreffen des Entlassjahrganges 1956 der Langenbergschule. Nicht nur Erinnerungen während der Schulzeit wurden aufgefrischt, auch die Wohngegend Schwartzstraße kam zur Sprache, da doch viele Ehemalige dort bzw. im näheren Umfeld wohnten.

Im Kriegsjahr 1941 wurde ich geboren und wuchs dort auf. Von unserem Haus konnten wir die ganAntriebsteil vom Fuckepott auf dem Gelände von Ebbert & Mayland - gemalt von Edith Kryszon, Einbau: Ewald Betting - Großversion mit Klickze Giethorst von der Wäscherei Emschermann bis zu den Bauerhöfen Schwanekamp und Geuting und den Burloer Weg überblicken. Die Straße war noch nicht asphaltiert, so dass wir dort prima Pimpeln, Knickern, Hinkeln, Fangen, Verstecken und vieles mehr spielen konnten. Ab und zu störte mal ein Pferdegespann, vom Milchbauer, vom Kohlenhändler, vom Ploddenkeerl (dem wir so einiges an Eisenwaren aus den Ruinen um "Reuters Wälleken" geben konnten) oder im Herbst vom Kartoffelbauern unsere Straßenspiele.
Eine ausgediente Sandgrube, gegenüber dem damaligen Landhandel Giebing (damals holten sich die Anwohner dort gelben Sand für den Wiederaufbau) war unser Bolzplatz. Wir spielten dort bei Wind und Wetter Fußball. Richtige Fußbälle gab es zu der Zeit noch nicht für uns. Unsere Bälle bestanden aus zusammengenähten Stoffresten. Irgendwann gab es dann auch endlich einen richtigen Fußball, der zum Leidwesen von Giebing hin und wieder mal auf seinem Grundstück landete. Der Ball wurde konfisziert und erst nach langem Betteln einige Tage später wieder frei gegeben.
Ein großes Ereignis war es dann als der Landhändler sich in den 1950er Jahren ein Wildpferd aus dem Meerfelder Bruch zulegte. Der Gaul sollte sein kleines Fuhrwerk zum Ausliefern seiner Waren ziehen. Angeblich war das Pferd gezähmt. Spannte er ihn allerdings vor seinen Karren, kam das wilde Blut in Wallung und es ging regelmäßig mit dem Wagen durch. War das eine Gaudi für uns Kinder, beim Einfangen mitzuhelfen.

Zurück zu dGetreideschnitterin nach dem Vorbild der baumpflanzenden Frau geschnitzt von Manes Schlatt - Unikat Privatbesitz Klemens Vlaswinkel, Foto und Einbau: Ewald Betting - Großversion mit Klicken Anfängen:
Nach einer Informationsreise durch England erbaute Ludwig Schwartz in den Jahren 1857/58 eine dampfgetriebene Weberei und Spinnerei in "Reuters Wälleken". Teile eines damaligen Antriebes vom Nachbargelände der Firma Ebbert & Mayland stehen heute als "Fuckepott" bei den Aarkaden an der Aa. 1862/63 baute er eine weitere dampfgetriebene Spinnerei östlich seines Hauses auf dem heutigen Gelände der Christuskirche. Nach seinem Tode übernahm seine Witwe Theodora die Betriebe und errichtete 1868/69 dort noch eine chemische Bleicherei. 1869 übernahmen ihre Söhne August, Werner, Peter und Gottfried die Firmen. Werner übernahm 1888 die Weberei alleine und betrieb mit Peter zusammen die Spinnerei, aus der er 1895 austrat und eine eigene Spinnerei auf dem Hochfeld errichtete. Die Spinnerei Peter Schwartz brannte im gleichen Jahr aus und wurde nicht mehr an alter Stelle wiedererrichtet, sondern auf dem Fildeken an der heutigen Rheinstraße. Das Gelände wurde an die evangelische Gemeinde verkauft, die hier 1901 ihre Kirche baute. Den Namen Schwartzstraße erhielt die ursprünglich auf Schwartzschem Firmengelände verlaufende Straße 1896. Arbeiter des Bauunternehmers Kempers fanden den Bauschutt der abgebrannten Fabrik in den 1930er Jahren beim Bau der drei Häuserblocks zwischen Burloer Weg und Eintrachtstraße.

Gegenüber den sogenannten "Kempershäusern" lag die "Steppbude", welche vom Autohaus TekamDie eichenbaumpflanzende Gerda Johanna Werner als Motiv für den Wiederaufbau Deutschlands, gemalt von ihrem Mann Richard Martin Werner - Foto und Einbau: Ewald Betting - Großversion mit Klickpe & Fisser genutzt wurde. Ich erinnere mich noch gut daran, als VW 1948 die ersten schwarz lackierten KÄFER dort auslieferte und die Schwartzstraße schwarz von Menschen war. Nachdem diese Firma in einen Neubau an der Münsterstraße umzog, eröffnete die Firma Schmeinck in den alten Gebäuden eine Näherei.
Weitere nennenswerte Nachbarn waren die Familie des späteren Oberbürgermeisters von Bocholt, Elektromeister Günter Hochgartz, sowie Rudolf Esser. Er war Schriftschreiber und Zeichner, Graphiker und Maler. Ölgemälde, Pastell- und Aquarellbilder stehen neben Holz- und Linolschnitten.
Nicht zu vergessen ist Hermann (Manes) Schlatt. Seine Bildhauer- und Holzschnitzarbeiten sind an vielen Stellen im Stadtgebiet von Bocholt anzutreffen. Ferner erstellte er Bleistiftzeichnungen und Holzschnitte und betätigte sich als plattdeutscher Schriftsteller. (Der Parkplatz südlich der Georgskirche, bzw. westlich der Hauptstelle der Stadtsparkasse wurde nach ihm benannt). Ich bin stolz darauf einige Exponate von diesen Künstlern zu besitzen.

Klemens Vlaswinkel, Borken



Ewald Betting (03.07.11 17:16 Uhr)

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